Bevor hier besagte Helikopter-Eltern ihren Propeller anschmeißen: Aktuelle Erziehungsfragen sind nicht das Thema. Im besten Fall geht es heute um die Beobachtung sozialen Verhaltens im digitalen Umfeld. Im schlechtesten Fall geht es um sehr viel Schlimmeres, nämlich das Benehmen von Menschen, bei denen die elterliche Erziehung bereits abgeschlossen ist. Aus. Vorbei. Leider gescheitert. Die Erkenntnis ist nicht neu, aber das Internet scheint ein Katalysator für schlechte Manieren zu sein. Bei einem Online-Marktplatz für Gebrauchtwaren kann man zum Beispiel die gesamte Klaviatur an Unarten erleben. Von unhöflich bis grob unverschämt ist alles dabei.

Ignoranz trifft verbalen Minimalismus

Das Prinzip der digitalen Kleinanzeigen: Dinge verkaufen, die man selbst nicht mehr braucht. Eigentlich eine sinnvolle, praktische Sache, wären da nicht die Käufer. Da gibt es etwa die vehementen Ignoranten, die trotz des nicht uneindeutigen Hinweises „Bitte nur Selbstabholer!“ hartnäckig versuchen, einen zu überzeugen, dass es doch gar kein Problem sei, eine 1,80 Meter große Pflanze per Post zu verschicken. Mitten im Winter. Oder einen fünfzehn Kilogramm schweren Fliesenschneider. Getreu dem Motto „Was kümmert mich dein Aufwand“ können selbst schlüssige Argumentationen sie nicht davon abbringen, noch ein „Was ist jetzt?“ hinterherzuschicken. Auf enorm nervige Art und Weise sind die Ignoranten immerhin in der Lage, ihr Anliegen deutlich zu formulieren.

Ganz anders die verbalen Minimalisten. Sie schrumpfen die allgemein geltenden Regeln der Kommunikation auf ein Maß, dass selbst Marie Kondo nass macht. „10€“, „komme“ oder „Adresse“ lauten ihre schnörkellosen Botschaften. Natürlich ohne Anrede, Grußformel und Namen, um die Quintessenz nicht zu verwässern. Fass dich kürzer, komm bis zum Punkt – Sinnhaftigkeit gehört für die Minimalisten genauso wie Interpunktion zum sprachlichen Ballast, den es konsequent abzuwerfen gilt. Trotz sozialer Unzulänglichkeiten kann man den haikuartigen Kurztexten eine gewisse literarische Qualität nicht absprechen. Für sein „40 euro objektiv“ hätte Almdudler59 den Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis mehr als verdient!

Soziale Kreuzallergie

Wie bei einer Kreuzallergie treten die sozialen Mangelerscheinungen gerne in Kombination auf. Zum Beispiel mit ungesundem Geltungsdrang. Da gerät man immer wieder an Käufer, die einem ungefragt erklären, wie, an wen und zu welchem Preis man etwas verkaufen sollte. Auffallend häufig begleitet von dem Personalpronomen „ich“. Es sind diejenigen, die man gerne auf die Destruktivität ihres Verhaltens aufmerksam machen möchte, dann aber doch lieber den Blockieren-Button bemüht. Auch äußerst beliebt auf dem Basar der Dreistigkeiten: die Anwendung der umgekehrten Preislogik! Da werden Festpreise munter nach unten verhandelt, „Verhandlungsbasis“ mit „zu verschenken“ gleichgesetzt und Versandkosten inkludiert. Wer versendet, zahlt auch. Es sind schließlich keine Empfangskosten.

Noch schlimmer als die Wirtschaftswunder, Narzissten, Ignoranten und Minimalisten zusammen, sind aber die, mit denen man sich einig ist. Die, die vorbeikommen wollen, am Samstag um 10 Uhr. Die, auf die man am Samstag bis 13 Uhr wartet. Die, die genau wissen, dass man auf sie wartet und sich trotzdem keine Zeit nehmen, um abzusagen. Oder sich hinterher wenigstens zu entschuldigen. Nicht mit einem einzigen Wort! Da hilft kein Aushalten, Ignorieren, Erziehen, Lächeln, da bekommt der Anstand von der Ungehörigkeit direkt eines in die Fresse gehauen. Sobald man sich von diesem Schlag erholt hat, möchte man eine Anzeige schalten – stellvertretend: Gute Erziehung umständehalber abzugeben. Wurde nur einmal benutzt und liegt seitdem im Schrank. Versand möglich. VB. Bitte nur ernst gemeinte Anfragen!

PS: Was im Text themabedingt keine Erwähnung findet, aber gesagt werden sollte: Es sind auch sehr nette, höfliche Menschen im Internet unterwegs. Vielen Dank dafür!

Der Beitrag Gutes Benehmen umständehalber abzugeben erschien zuerst auf bildschoenesdesign.

©


Govoyagin Many GEOs


GearBest WW