Geschmäcker sind verschieden, sagen die Diplomaten. Geschmack hat man oder auch nicht, sagen die Mutigen. Wer aber hat nun recht? Ist das ästhetische Urteil ein facettenreiches Sammelbecken, aus dem sich jeder fischt, was er braucht und sich niemand benachteiligt fühlen muss? Oder sind die Grenzen des guten Geschmacks klar definiert? Wer ist Geschmack und wenn ja, wie viele?

Wer Antwort auf diese Fragen haben möchte, dem empfehle ich den Besuch einer größeren Glasbläserei mit Werksverkauf. Es ist kaum zu glauben, was man aus Glas alles herstellen kann – im schlimmen Sinne, meine ich. Denn so sehr ich das Handwerk bewundere, so unverständlich ist mir, wie da am Ende so ein Klumpatsch rauskommen kann. Nachfrage ist das einzig Plausible und zugleich Erschreckende, was mir dazu einfällt und das bestätigt sich dann auch beim Gang durch den Glasshop. Vergesst Canossa!

Während ich in dem gläsernen Gruselkabinett immer wieder zusammenzucke und mir nichts sehnlicher wünsche als den Altglascontainer, schaufeln die Leute ihre Einkaufswägen voll. Männer genauso wie Frauen! Er – etwas älteren Datums – stöbert zwischen Glaslilien und Fusing-Schwänen für die Staudenrabatte, da kommt Sie – gleiches Datum– und hält ihm ein farbenfrohes Chakra-Mobile mit Kristallherz hin: „Guck mal, Schatzl, ist das nicht drollig? Das wäre doch was für die Petra, die freut sich sicher!“

Das hat die Petra nicht verdient
Vor meinem inneren Auge bauen sich sofort zwei Szenarien auf. Erstens: Petra, die ihren Namen zu Unrecht trägt, in einem modernen Reihenendhaus wohnt und vor jedem Besuch ihrer Schwiegermutter mächtig ins Rudern kommt, also noch mehr, weil sie das „drollige“ Glasobjekt rauskramen und genau da positionieren muss, wo es beim letzten Mal stand. Zusätzlich zu allen anderen Mitbringseln der letzten Jahre. Nicht auszudenken, wenn Muddi mal spontan vorbeiklingelt…

Zweitens: Petra, die so heißt, weil es zu ihr passt, genauso wie die Ergeschosswohnung, voll bis zur nächsten Etage mit Dingen, von denen man glauben möchte, es hätte sie nie gegeben oder nur in schlecht gescripteten Reality-Serien. Petra, die sich ein Loch in den Bauch freut über die kunstvolle Aufmerksamkeit aus dem bayerischen Wald und sie liebevoll zwischen Delphinsammlung und  ausgestopftem Yorkshire-Terrier einreiht. Ich weiß in diesem Moment nicht, mit welcher Petra ich mehr Mitleid haben soll.

Geschmackspolizei, bitte kommen! 
Es sind Momente, in denen man sich wünscht, jemand würde einschreiten und das regeln. Jemand mit Trillerpfeife und Autorität, der ruft: „Hallo, haaaallo! Ja, Sie da hinten, bitte legen Sie die Glasbanane sofort wieder zurück ins Regal, aber sofort! Sie wissen doch ganz genau, Sie verstoßen damit gegen Artikel 5 des Ästhetikgesetzes: Kaufen und verschenken Sie niemals Dinge, die hässlich sind! Das ist heute eine gut gemeinte Verwarnung, sollte ich Sie hier noch einmal erwischen, kostet das und zwar sehr viel mehr als das ganze Gerümpel in ihrem Einkaufskorb. Und jetzt A-b-m-a-r-s-c-h!“

Ich weiß, ich weiß: Über Geschmack lässt sich nicht streiten, weil jeder so machen soll, wie er will. Wo kämen wir denn hin, wenn andere entscheiden, wie man sich einrichtet, anzieht oder wie man was zu bewerten hat? Absolut. Andererseits: Etwas schön zu finden, macht es noch lange nicht geschmackvoll. Denn Geschmack ist mehr als nur subjektives Empfinden, es ist auch ein allgemeingültiger Wertmaßstab. Und deshalb können am Ende in Geschmacksfragen nun mal nur Stil und Ästhetik entscheiden…und der Rest ist Schweigen!

PS: Sorry an alle Petras, ihr könnt ja nix dafür!

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